Hinter den Kulissen
Hinter den Kulissen

Lou (Name geändert)

Hinter den Kulissen fließen Tränen – Über die prekären Arbeitsbedingungen im Club und Eventbetrieb

Emanzipation auf dem Papier – & im Alltag?

Ich blicke auf über 15 Jahre Engagement als Ehrenamtliche und Festangestellte in einem Leipziger Kulturzentrum zurück. Ein Verein, geprägt von DIY-Ansätzen, kollektiver Verantwortung, emanzipatorischer Selbstverwaltung und einer klaren politischen Verortung. Von Beginn an übernahm ich vielfältige Aufgaben, erwarb zahlreiche Kompetenzen und lernte viele großartige Menschen kennen.

Die positiven Erfahrungen kollektiver Zusammenarbeit und eines vielfältigen Kulturprogramms wurden jedoch zunehmend von tiefgreifenden Missständen überschattet. Klassismus, Sexismus, Diskriminierung und Mobbing sind reale, seit Jahrzehnten unzureichend bearbeitete Probleme des Vereins. Sie führen fortwährend zu Konflikten, Kündigungen, dem Weggang engagierter Personen und zur Zersplitterung von Strukturen und Idealen.

Besonders gravierend sind fehlende Wertschätzung für Carearbeit, die ein fortwährend hohes psychisches und physisches Pensum abverlangen, unbezahlte Überstunden, eine künstliche Trennung von bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten sowie die Abwertung bestimmter Personen durch die jeweils ausgeführte Tätigkeit. Heteronormative Machtstrukturen, akademisch geprägte Dominanz in Entscheidungsräumen und ein mangelndes Bewusstsein für Klassismus und Sexismus prägen insbesondere Plena und politische Diskussionen. Unter dem Vorsatz von Universalismus und unter dem Deckmantel vom Zweifelssatz werden Betroffene von sexualisierter Gewalt gezwungen, eine Öffentlichkeit von ihrem Erlebten als objektive Wahrheit zu überzeugen. Auch im (“Selbstverwalteten Soziokulturellen Kulturzentrum in Leipzig Connewitz” - Name des Ortes wurde hier entfernt) zerplatzt die Blase von linken und sicheren Räumen in Windeseile.

Meist sind es FLINTA*, die sich seit mehr als 30 Jahren bestimmter Themen annehmen und gleichsam gibt es viele FLINTA*, die sich wegducken oder Missstände bewusst wie unbewusst aufrechterhalten. Doch statt sich ernsthaft mit der unangenehmen Realität auseinanderzusetzen, sind es vor allem Männerklüngel mit veralteten Ansichten, die sich im (Ort Name entfernt) sehr wohl fühlen und unzählige Vorteile genießen.

Die letzten Jahre habe ich, wie viele andere, wiederholt Missstände und strukturelle Probleme thematisiert, was wiederum anhaltende Konflikte, Auseinandersetzungen und Eskalationen zur Folge hatte. Es dauerte ebenso viele Jahre, bis mir bewusst wurde, wie sich Reaktionen in unterschiedlichen Formen der Gewalt ausdrückten. Die Folgen dessen waren Schlafstörungen, depressive Episoden, Angst, Selbstzweifel und gesundheitliche Schäden. Viele Betroffene – mich eingeschlossen – scheiterten über Jahre daran, diese Zustände zu benennen oder zu verändern, und gaben schließlich auf.

Einerseits bleibt die schmerzhafte Erkenntnis, dass eigene politische Überzeugungen dazu beitrugen, toxische Dynamiken aus Loyalität zum Ort aufrechtzuerhalten. Andererseits zeigt sich, wie einzelne Personen oder Gruppen ihre Interessen unter dem Deckmantel politischer Notwendigkeit mit Intrigen, Demütigung und Ausgrenzung durchsetzen.

Ich habe zahlreiche engagierte FLINTA* kommen und gehen sehen, deren emanzipatorische Ansätze systematisch diskreditiert, bekämpft oder unterdrückt wurden. Versuche, sexistische und diskriminierende Strukturen zu kritisieren oder die politische Ausrichtung zu hinterfragen, wurden konsequent blockiert. Statt in einem konstruktiven Austausch oder in einer positiven Streitkultur wurden viele FLINTA* gezielt und systematisch vorgeführt, diskreditiert, eingeschüchtert, bedroht und durchgehend, teilweise über mehrere Monate hinweg, ausgegrenzt. Supervisionen, Mediationen und Gespräche scheiterten, weil Auseinandersetzungen vermieden oder Machtpositionen abgesichert wurden. Gehör dazu, pass dich an, oder halt den Mund.

Veränderung braucht ein öffentliches Bewusstsein dafür, dass Betroffene beim Benennen solcher Missstände massiven Bedrohungen ausgesetzt sind und auf unterschiedlichen Wegen zum Schweigen gebracht werden. Macht, Sprache und Geschlecht werden auch in linken Strukturen weiterhin unterschätzt, reproduziert und aufrechterhalten. Konsequenzen für die Gewalt ausübenden Personen sind nicht möglich, wenn eben jene Personen die Räume beherrschen, in denen solche Entscheidungen getroffen werden können. Einzelne Personen dürfen in solchen Momenten nicht allein gelassen werden, denn um derart tief sitzende Strukturen aufzubrechen, braucht es Mut, Solidarität und Durchhaltevermögen. Die Angst vor Demütigung, Angriffen und Ausschluss ist berechtigt und nachvollziehbar, aber aktives Unterlassen, sich raushalten und nix damit zu tun haben wollen, trägt zum Erhalt toxischer Umfelder bei.

In diesem Sinne, danke an alle, die dem entgegen traten, sich dem fortwährend widersetzen und danke an euch (fem*vak), die ihr derlei Themen öffentlich macht.