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Hinter den Kulissen fließen Tränen – Über die prekären Arbeitsbedingungen im Club und Eventbetrieb
Zwischen Ideale und Ideologie.
Ich habe kurz überlegt, ob ich das hier anonym teilen soll. Bin aber schnell zu dem Entschluss gekommen: Ich habe keine Angst dafür einzustehen. Ich möchte lieber ein Vorbild sein. Ich habe diese Erfahrungen gemacht und daraus meine Haltung entwickelt – und genauso möchte ich sie teilen. Um zu zeigen: Viele von euch sind mit solchen Erlebnissen nicht allein. Und es ist auf gar keinen Fall okay, dass so etwas hinter den Kulissen passiert. So viele Tränen hab ich deswegen schon vergossen.
Ich war eine Zeit lang in einem sogenannten „selbstverwalteten Jugend-Kulturzentrum“ im Süden Leipzigs angestellt. Für mich hatte dieser Ort jedoch wenig mit den tatsächlichen Lebensrealitäten junger Menschen oder mit offener, vielfältiger Kultur zu tun. Ich weiß nicht, ob ich das, was ich dort erlebt habe, extremistisch nennen würde. Aber fanatisch und ideologisch geprägt – so habe ich es wahrgenommen.
Ich habe viel versucht zu verstehen. Ich habe gelesen, mich weitergebildet, Gespräche gesucht – innerhalb und außerhalb des Ladens. Mir ist es wichtig, verschiedene Perspektiven zu hören, um zu verstehen und einzuordnen. Doch je länger ich dort war und je mehr ich meine und andere Sichtweisen eingebracht habe – und mich einer israelsolidarischen Position nicht blind anschließen wollte – desto deutlicher wurde meine Ausgrenzung.
Schon vor meiner Zeit dort wurde ich gewarnt. Erst später wurde mir schmerzhaft klar: Wer sich der vorherrschenden politischen Linie nicht anschließt, fühlt sich schnell nicht mehr willkommen.
Der Nahostkonflikt ist aktuell eine gesellschaftliche Spaltung, die viele weder rational noch emotional bewältigen können. Dass der Ort, an dem ich gearbeitet habe, in diese Themen involviert war, war mir nur halb bewusst. Vielleicht war ich naiv. Vielleicht hoffnungsvoll. Ich wollte mir zumindest ein eigenes Bild machen. Meine berufliche Motivation war simpel: Ich wollte gestalten und organisieren. Teil der subkulturellen Clubkultur sein. Auch mehr intersektionale Queerness in Strukturen bringen. Mehr Awareness für Themen meiner Peergroup. Es gab auch vieles, das ich mittragen konnte: antifaschistische Grundwerte, politisches und kulturelles Engagement. Mir war klar, dass in soziokulturellen Räumen viele Meinungen aufeinandertreffen. Nicht alles muss ich gut finden – aber ich kann es tolerieren.
Nach dem anfänglichen Glücksgefühl, den Job bekommen zu haben, fiel mir schnell der Umgang miteinander und untereinander auf. Viele Mitarbeitende wirkten distanziert, kalt oder erschöpft. Oft auch unfreundlich und wenig unterstützend. In Plena hatte ich selten das Gefühl, dass es um echtes Zuhören oder gemeinsame Lösungen ging. Häufig ging es eher darum, sich durchzusetzen, andere zu übertönen oder ihnen das Arbeiten schwer zu machen.
Strukturen, die Gleichberechtigung versprechen, wirkten auf mich veraltet und hierarchisch. Kritik wurde relativiert. Verantwortung verschoben. Care- und Aufklärungsarbeit blieb meist an nicht-männlichen Personen hängen. Konflikte wurden öffentlich ausgetragen. Gefühle abgewertet. Lösungen vertagt. Vieles blieb ungelöst. Das Klima wurde für mich zunehmend belastend.
So viel Missgunst und verbitterte Gesichter an einem Ort hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.
Mir ist es wichtig, zwischen Hass und konstruktiver Kritik zu unterscheiden. Niemand muss sich Beschimpfungen aussetzen. Aber Kritik ernst zu nehmen, zu reflektieren und gegebenenfalls etwas zu verändern – das habe ich dort oft vermisst. Besonders schwierig wurde es, als ich auf Positionen und Handlungen stieß, die ich für mich nicht mehr nachvollziehen konnte. Ich stellte Fragen. Ich informierte mich weiter. Und hatte danach noch mehr offene Fragen.
Aus mehreren – auch privaten – Gründen nahm ich mir schließlich eine Auszeit in der Klinik. Während dieser Zeit spielte ich einen Charity-Gig, um mit zu helfen Geld für humanitäre Hilfe in Gaza zu sammeln. Diese Aktion wurde mir von einigen Personen aus meinem Arbeitsumfeld sehr kritisch ausgelegt – unter anderem als antisemitisch. Mein Name tauchte in öffentlichen Mailverteilern auf, verbunden mit der Frage, ob ich dort noch richtig sei. Für mich fühlte sich das klar nach Ablehnung an. Als ich zurückkam, wollte ich das Gespräch suchen. Doch klärende Gespräche waren kaum möglich. Wenn Positionen stark ideologisch aufgeladen sind, entstehen schnell Zuschreibungen, die keinen Raum mehr für Differenz lassen.
Es gab dort auch Menschen, die das Vorgehen genauso problematisch fanden und sich für mich eingesetzt haben. Der Ort ist keine homogene Masse. Dieser Text richtet sich nicht gegen diese Einzelpersonen – und ich bin bis heute dankbar für den Mut und Support einzelner. Trotzdem war das Grundklima zerstritten und in Grüppchen aufgeteilt. Auch außerhalb des Ladens. Denn gleichzeitig wurde mir dieselbe Aktion von Außerhalb als „Imagepflege“ ausgelegt. Beide Seiten passten für mich nicht – aber ich stand zwischen allen Fronten. Ich wurde von innen wie von außen massiv unter Druck gesetzt. Ich war mittendrin – und verstand die Welt nicht mehr. Und genau das finde ich bis heute traurig: Solche Dynamiken verhindern Dialog und vertiefen Spaltung.
Diese Erfahrung hat meinen Traum, hinter den Kulissen kreativ und solidarisch mitzuwirken, stark entzaubert. Ich rate allen, denen ihre psychische Gesundheit wichtig ist, sehr bewusst hinzuschauen. Mir ist wichtig zu sagen: Das hier ist kein Outcall. Es ist ein ehrlicher Hinweis an Menschen in Verantwortung innerhalb von Kulturorten. Diese Orte sind wichtig. Sie müssen bewahrt, neu strukturiert und weiterentwickelt werden – nicht gecancelt.
Ja, das ist Kritik. Und ja, sie ist unbequem. Aber sie ist getragen vom Wunsch nach strukturellem Wandel. Nach Räumen, in denen Kunst- und Kulturschaffende wachsen können – statt auszubrennen. Gerade jetzt, wo Ehrenamt und junge Menschen Kultur tragen, können wir es uns nicht leisten, genau diese Menschen zu verlieren. Wir könnten so viel weiter sein. Wir könnten es so viel besser haben.
Solche Geschichten gibt es leider viel zu oft. Wenn ein sicherer und willkommener (Arbeits-)Platz davon abhängt, dass man sich politisch exakt auf die Linie der Arbeitgeber*innen stellen muss, haben wir ein Problem. Ein ziemlich großes.
Leere Kassen und das Fernbleiben von ehrenamtlichen Helfer*innen und Gäst*innen liegen nicht nur an fehlendem Geld der Besucher*innen oder zu hohen Gagen. Viele von uns wissen, wie es hinter den Kulissen läuft – und wollen solche Strukturen nicht mehr mittragen oder supporten. Wenn Sub- und Clubkultur überleben soll, müssen wir über unser Miteinander sprechen. Kultur lebt von den Menschen, die sie tragen.
Take care of yourself and each other <3
