Hinter den Kulissen
Hinter den Kulissen

Helga (Name geändert)

Hinter den Kulissen fließen Tränen – Über die prekären Arbeitsbedingungen im Club und Eventbetrieb

Ich dachte lange, ich hätte meinen Platz gefunden, in einer linken Club-/Kulturszene, die sich Gleichberechtigung, Solidarität und Awareness auf die Flyer schreibt. Ich wollte Teil davon sein, dazu beitragen, dass diese Werte nicht nur behauptet, sondern gelebt werden. Über Jahre hinweg engagierte ich mich über meine Ressourcen hinaus. Ich trug die Verantwortung für Konflikte, Spannungen und Überlastung. Diese unsichtbare Arbeit war die Eintrittskarte zur Sichtbarkeit. Eigene Bedürfnisse habe ich zurückgestellt, weil ich glaubte, dies sei der Preis für Teilhabe und Prestige.

Anerkennung erhielt ich vor allem dann, wenn ich ein bestimmtes Bild erfüllte: belastbar, ambitioniert, aufopfernd, „einfach“. Ich galt als „stark", „sichtbar", „vorzeigbar", wenn ich Verantwortung übernahm, mich durchsetzte und mithielt, während andere FLINTA*-Personen im selben Atemzug als weniger ehrgeizig, weniger relevant markiert wurden. Erst später verstand ich, wie sehr dieses Bild selbst Teil des Problems war: Anerkennung bekam nur, wer das bestehende System stützt. Dieses patriarchale Erfolgsnarrativ verspricht Sichtbarkeit, Anerkennung und Schutz, verlangt dafür jedoch das permanente Zurückstellen eigener Grenzen, Anpassung an bestehende Machtverhältnisse sowie das stillschweigende Akzeptieren struktureller Überforderung. Scham fungiert in solchen Kontexten als Mechanismus zur Stabilisierung struktureller Abhängigkeiten. Wer ausfällt oder emotional wird, verliert: Platz, Kontakte, Gigs, Projekte, Zugehörigkeit und die eigene Stimme.

Dass Loyalität und Hingabe kein Schutz sind, wurde mir schmerzhaft bewusst. Am Ende bleiben seelische Lasten bei Einzelnen, während andere weitermachen. In kollektiven Strukturen gilt unsichtbare Arbeit als selbstverständlich, klare Grenzen als verhandelbar. In der Krise schützt das System sich selbst, nicht die Menschen, die es tragen und am Laufen halten. Statt Solidarität begegnen mir seither Schweigen, Relativierung und beschwichtigende Worte, während Konflikte privatisiert und strukturelle Probleme zu persönlichen Befindlichkeiten erklärt werden.

Wer Erfahrungen benennt, wird schnell zur Störenden, weil sie den vermeintlichen „Frieden" gefährdet. In Räumen, die sich Schutzraum nennen, wird Wegschauen zur Strategie. Wer nicht mitspielt, wird isoliert, wer sich zurückzieht, wird als schwach, zu empfindlich oder „nicht dafür bestimmt“ gelesen. Narrative verselbstständigen sich und entziehen sich der eigenen Kontrolle. So stand ich schließlich vor den Trümmern eines Traumes, einer gebrochenen Identität und dem Verlust mehrerer Beziehungen. Ich werde als zu schwierig, als zu emotional gesehen. Gesprochen wird trotzdem, selten mit mir.

Der Schmerz liegt nicht allein im Erlebten, sondern darin, dass nun so getan wird, als sei nichts passiert. Weil Betroffene häufig die einzigen sind, die das Geschehene aufarbeiten, seltener die Verursacher*innen oder jene, die es mitgetragen haben. Heilung ist für mich in diesem Umfeld nicht mehr möglich. Ich habe mich zurückgezogen, um mich nicht weiter selbst zu verlieren. Mit der Distanz wird deutlich, dass der eigene Wert nicht von einer Szene abhängen kann, in der Zugehörigkeit an stillschweigendem Aushalten geknüpft ist.

Die Tränen hinter den Kulissen sind kein Zeichen individueller Schwäche oder Drama. Sie sind ein Symptom struktureller Ausbeutung innerhalb von Räumen, die sich als sicher, progressiv und frei verstehen. Veränderung beginnt dort, wo Verantwortung nicht länger auf Einzelne abgewälzt wird, während Strukturen unangetastet bleiben. Awareness, Konfliktarbeit, Verpflichtung und Fürsorge dürfen auch in dieser Nische keine still vorausgesetzte, unbezahlte, informelle Zusatzleistung sein, sondern müssen als Arbeit anerkannt, ausgestattet und geschützt werden. Solange diejenigen, die Missstände benennen, isoliert werden, statt Unterstützung zu erfahren, bleibt Solidarität eine leere Behauptung.

Räume, die diese Kritik nicht aushalten, sind keine Schutzräume. Sie reproduzieren und stärken unter performativem Deckmantel genau jene Machtverhältnisse, die sie nach außen zu kritisieren vorgeben.