genelle
Hinter den Kulissen fließen Tränen – Über die prekären Arbeitsbedingungen im Club und Eventbetrieb
Vom Traumjob zum Burnout
Ich habe ca. 2 Jahre als Bookerin in einem linken Club gearbeitet. Was als 15-Stunden-Stelle neben dem Studium begann, entwickelte sich schnell zur Hauptlohnarbeit, da ich und eine weitere 15-Stunden-Stelle den plötzlichen Wegfall der bisher hauptverantwortlichen Person kompensieren mussten. Wir waren gerade erst zwei Monate dabei und noch nicht vollständig eingearbeitet. Dementsprechend holprig war die erste Zeit, auch wenn das Büro sein bestes getan hat, uns zu unterstützen. Der Druck, allen Erwartungen gerecht zu werden, und die Verantwortung waren groß, die Stunden auf dem Papier und die Bezahlung gering – was aber leider üblich ist im Kulturbereich.
Mit der Zeit wuchsen wir an unseren Aufgaben und konnten uns eigene Strukturen und Workflows schaffen, die für uns funktionierten. Leider entwickelte sich langsam eine gewisse Dynamik, in der ich immer mehr Veranstaltungen übernahm und der Großteil von Orga- und Strukturarbeit an mir hängen blieb.
Beim Booking spielen Zeitdruck und Deadlines eine große Rolle, man muss schnell handeln und viele Dinge gleichzeitig auf dem Schirm haben, damit alles glatt läuft. Leider bekamen das andere Personen oft nicht so gut hin, so dass ich irgendwann das Gefühl hatte, alles kontrollieren zu müssen, da sonst wichtige Dinge liegen blieben. Am Ende übernahm ich es dann oft einfach selbst, weil es schneller ging und ich es dann aus dem Kopf hatte.
Die Struktur des Clubs war kollektiv-basiert, es gab also eigentlich keine Hierarchien und die AGs sollten sich selbst organisieren und eigenständig arbeiten. Was vielleicht erstmal cool klingt, ist leider in der Praxis, meiner Meinung nach, nicht sehr nachhaltig. Für mich bedeutete es, dass es keine übergeordnete Kontrollinstanz gab, der aufgefallen wäre, dass der Workload ungleich verteilt war und die vielleicht eingegriffen hätte, um mich zu entlasten. Niemand fühlt sich so richtig verantwortlich, alle sind mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt. Ich sehe das sehr oft in linken Strukturen und leider sind es, meiner Erfahrung nach, meistens FLINTA*-Personen, auf denen der zusätzliche Mental-Load lastet.
Hinzu kamen dann noch massive interne politische Konflikte, auf die ich hier nicht näher eingehen kann. Aber was dort teilweise abging, war wirklich absolut insane. Ich habe menschliche Abgründe erlebt, die ich in dieser Art von Raum niemals erwartet hätte. Die Konflikte hatten extreme Auswirkungen, sowohl auf beruflicher, als auch auf privater Ebene. Die Situation spitzte sich über die Zeit immer weiter zu und mehrere Leute verließen den Laden, weil sie es nicht mehr aushielten.
Ich habe wirklich mein komplettes Herzblut in diesen Job gesteckt, habe mein Studium abgebrochen und alle meine anderen Projekte auf Eis gelegt. Es war mein absoluter Traumjob, weshalb es mir auch so schwerfiel, mich davon zu lösen. Auch wenn es mir das letzte Dreivierteljahr dort psychisch schon extrem schlecht ging. Als ich mich endlich durchringen konnte zu gehen, war es bereits zu spät und ich schon lange auf dem Weg ins Burnout. Ich war erstmal 2 Monate krankgeschrieben und konnte danach glücklicherweise ins ALG-1, denn an Arbeiten war erstmal nicht mehr zu denken.
Burnout und Depression gehen meist Hand in Hand und es ging mir sehr lange echt schlecht. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich wieder einem festen Job nachgehen konnte und trotzdem struggle ich auch heute, nach 17 Monaten, immer noch mit den Folgen. Diese Erfahrung hat mir vorerst Lohnarbeit im Clubkontext versaut, und teilweise kommen auch andere Jobs im Kulturbereich für mich, ...zumindest in Leipzig, nicht infrage, da aufgrund meiner Erlebnisse die Zusammenarbeit mit gewissen Personen und Institutionen für mich ausgeschlossen ist.
Leider bin ich nur ein Beispiel von vielen, es ist ein strukturelles Problem. Wir werden gelockt mit der Vorstellung vom Traumjob, von flachen Hierarchien, eigenständiger Arbeit zu flexiblen Zeiten, in einem Umfeld, in dem wir auch gerne privat abhängen, mit coolen Leuten, die die gleichen Werte vertreten. Doch dann sind die Leute vielleicht gar nicht so cool und stellen ihre eigene politische Agenda über alles andere. Dann heißt eigenständiges Arbeiten auf einmal unbezahlte Überstunden, ständige Erreichbarkeit, keine Urlaubsvertretung und auch bei Krankheit arbeiten, da sonst zu viel liegen bleibt. Weil vorne und hinten das Geld fehlt. Für dieses Problem habe ich leider auch keine Lösung. Aber wie wir miteinander umgehen und aufeinander achten liegt in unserer Hand.
Ich wünsche mir mehr Toleranz für andere Perspektiven und das Aushalten von Uneinigkeiten. Mehr Wertschätzung füreinander, vor allem für unsichtbare Arbeit. Mehr Achtsamkeit untereinander und vielleicht auch mal eine Intervention, wenn klar ist, dass eine Person ständig über ihre Grenzen geht – oft merkt man es selbst nämlich gar nicht, bzw. erst wenn es bereits zu spät ist.
